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FIRE-Handbuch

Kapitalerhalt oder Kapitalverzehr: Zwei Philosophien für die Entnahmephase

Soll dein Depot in der Rente stabil bleiben oder darf es bis auf null sinken? Zwei grundverschiedene Ausgangspunkte für dieselbe Entnahmerechnung.

Bevor eine Entnahmerate überhaupt Sinn ergibt, steht eine grundsätzlichere Frage im Raum: Soll dein Vermögen am Ende deines Plans noch etwas wert sein — oder darf es genau dann auf null laufen?

Kapitalerhalt: die Entnahme bleibt unter der erwarteten Rendite

Bei Kapitalerhalt entnimmst du bewusst weniger, als dein Depot im Schnitt erwirtschaftet. Das Vermögen schrumpft dadurch nicht dauerhaft — im Idealfall wächst es sogar weiter. Diese Philosophie zahlt sich aus, wenn der Zeithorizont unsicher ist: Wer mit 40 FIRE erreicht, plant unter Umständen für 50 Jahre oder mehr, und ein zu niedrig geschätztes Lebensende trifft bei Kapitalerhalt niemanden hart.

Kapitalverzehr: geplant auf ein Ende hin

Bei Kapitalverzehr ist ein Zielhorizont bewusst festgelegt — etwa „reicht bis 90" — und die Entnahme so bemessen, dass am Ende dieses Zeitraums nichts oder nur ein kleiner Rest übrig bleibt. Für denselben Zeitraum erlaubt das eine spürbar höhere Entnahme als Kapitalerhalt, weil das Kapital selbst als Teil der Rechnung mitverzehrt werden darf, statt unangetastet zu bleiben.

Die Kompromisse

Kapitalverzehr verlangt Vertrauen in die eigene Lebenserwartung-Schätzung — ein zu kurz angesetzter Horizont wird gefährlich, wenn man ihn tatsächlich überlebt. Er passt schlecht, wenn eine Erbschaft an die nächste Generation Teil des Plans ist. Kapitalerhalt ist der vorsichtigere Standardfall gerade bei sehr langen, unsicheren FIRE-Zeiträumen — kostet dafür einen Teil der Entnahme, die theoretisch möglich wäre.

Die klassische 4-%-Regel liegt inhaltlich näher an Kapitalerhalt: Sie ist für einen 30-Jahres-Horizont kalibriert, bei dem das Vermögen im Median am Ende nicht aufgebraucht ist, sondern oft sogar höher steht als zu Beginn. Dynamische Entnahmestrategien liegen dazwischen: Sie starten optimistischer wie beim Kapitalverzehr, verhindern aber über Leitplanken, dass das Depot tatsächlich auf null läuft.

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