Bevor der erste Euro ins Depot fließt, gehört eine liquide Reserve für Notfälle auf die Seite — wie groß sie sein sollte und warum sie kein Widerspruch zu FIRE ist.
Der Notgroschen ist die liquide Reserve, die getrennt vom Depot auf einem Tagesgeld- oder Girokonto liegt — für die Waschmaschine, die kaputtgeht, oder die Monate zwischen zwei Jobs. Er ist kein Vermögensaufbau, sondern eine Versicherung gegen den Zwang, im falschen Moment verkaufen zu müssen.
Ohne Reserve wird jeder unerwartete Ausgabenschub zum Verkaufszwang — unabhängig vom Kursstand. Trifft der Bedarf mitten in einem Einbruch, wird aus einer planbaren Ausgabe ein realisierter Verlust. Genau dieses erzwungene Verkaufen zur Unzeit ist im Kern dasselbe Risiko wie das Sequence-of-Returns-Risiko in der Entnahmephase — nur schon Jahrzehnte früher.
Die gängige Faustregel sind drei bis sechs Monatsausgaben — am unteren Ende bei sicherem Angestelltenverhältnis und zweitem Einkommen im Haushalt, am oberen bei Selbstständigkeit, unregelmäßigem Einkommen oder wenn du allein für den Haushalt aufkommst. Wer FIRE anstrebt und danach vom Depot lebt, rechnet oft eher mit einem Jahr, weil kein Gehalt mehr nachkommt, das eine Lücke abfedert.
Es fühlt sich falsch an, Geld ungenutzt liegen zu lassen, während jeder investierte Euro Rendite bringen könnte — genau das treibt manche dazu, den Notgroschen zu klein zu halten oder ganz wegzulassen. Das kehrt sich um, sobald man ihn als Versicherungsprämie statt als Rendite-Verzicht betrachtet: Er kostet real nur die Differenz zwischen Tagesgeldzins und Aktienrendite auf einen kleinen Teil des Vermögens, verhindert dafür aber genau den Verkauf, der ein FIRE-Datum am meisten verzögert.