Kompoundr
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FIRE-Handbuch

Sequence-of-Returns-Risiko: Warum die Reihenfolge der Renditejahre zählt

Zwei Portfolios mit identischer Durchschnittsrendite können völlig unterschiedlich enden — allein weil die guten und schlechten Jahre in anderer Reihenfolge kommen.

Die 4-%-Regel und die meisten FIRE-Rechnungen arbeiten mit einer durchschnittlichen jährlichen Rendite. Das Problem: Sobald du aus deinem Portfolio entnimmst, reicht der Durchschnitt allein nicht mehr aus, um zu wissen, ob dein Geld hält. Entscheidend ist zusätzlich, in welcher Reihenfolge die guten und schlechten Jahre kommen. Dieser Effekt heißt Sequence-of-Returns-Risiko (Renditereihenfolge-Risiko).

Der Mechanismus in einem Satz

Ein Verlustjahr kurz nach Rentenbeginn trifft dich doppelt: Du verlierst Geld und musst gleichzeitig weiter entnehmen — von einem bereits geschrumpften Depot. Dasselbe Verlustjahr zehn Jahre später, wenn dein Depot durch vorangegangene gute Jahre schon gewachsen ist, tut viel weniger weh. Der Durchschnitt beider Szenarien kann identisch sein — das Ergebnis ist es nicht.

Dasselbe Ergebnis im Schnitt, ein komplett anderes Resultat

Gleicher Durchschnitt (5,4 % p.a.), gleiche Entnahme — nur die Reihenfolge ist vertauscht

500.000 € Start, 25.000 €/Jahr Entnahme, dieselben 15 Jahresrenditen einmal vorwärts, einmal rückwärts durchlaufen.

Beide Verläufe erleben exakt dieselben 15 Jahresrenditen mit demselben Durchschnitt (5,4 % p.a.) und derselben jährlichen Entnahme — nur einmal vorwärts, einmal rückwärts. Das Depot mit den schlechten Jahren zuerst schrumpft auf gut ein Drittel; dasselbe Depot mit denselben schlechten Jahren am Ende wächst trotz identischer Entnahmen deutlich. Der einzige Unterschied ist die Reihenfolge.

Warum das ausgerechnet um den FIRE-Zeitpunkt herum am gefährlichsten ist

Das Risiko konzentriert sich auf ein enges Zeitfenster: die paar Jahre kurz vor und kurz nach deinem FIRE-Datum. Vorher profitierst du noch von deiner Sparrate, die einen Einbruch abfedert. Danach hat sich dein Depot (hoffentlich) längst erholt und ist gewachsen. Genau am Übergang bist du am verletzlichsten — kein frisches Einkommen mehr, aber auch noch kein Wachstumspolster. In Kompoundrs FIRE-Status erscheint deshalb automatisch ein Hinweis, wenn dein FIRE-Datum nah ist und deine Entnahmerate über 4 % liegt.

Wie man sich davor schützt

  • Cash-Puffer. Ein bis drei Jahre Ausgaben in sicheren, wenig schwankenden Anlagen — so musst du in einem Crash-Jahr nicht aus dem eingebrochenen Depot entnehmen.
  • Flexible Entnahme. In schlechten Jahren weniger entnehmen (z. B. nur die Dividenden, oder eine an die Marktlage gekoppelte Rate) statt stur denselben Betrag.
  • Glidepath. Die Aktienquote rund um den FIRE-Zeitpunkt vorübergehend absenken und danach wieder erhöhen, statt durchgehend eine feste Allokation zu halten.
  • Niedrigere Entnahmerate als Puffer. Wer von vornherein mit 3,5 % statt 4 % plant, hat mehr Spielraum, falls die ersten Jahre schlecht laufen.
  • Teilzeit-Brücke. Ein Nebeneinkommen in den ersten Jahren nach dem Ausstieg nimmt Druck von der Entnahme genau in der kritischsten Phase.

Selbst testen

Der Entnahme-Rechner hat einen eingebauten Crash-Test: Er zeigt dir, wie stark sich ein Einbruch von −30 % im ersten Entnahmejahr auf die Reichweite deines Portfolios auswirkt — genau die Sequence-of-Returns-Situation aus diesem Artikel, mit deinen eigenen Zahlen.

Verwandte Begriffe

  • 4-%-Regel (SWR) — die Entnahmerate, die dieses Risiko im Auge behalten muss
  • Rentenlücke — eine später einsetzende Rente verkleinert auch das Zeitfenster, in dem Sequence-Risk zuschlagen kann
  • Ansparphase vs. Entnahmephase — warum genau dieses Risiko erst mit dem FIRE-Datum entsteht
  • Dein FIRE-Status — warnt automatisch, wenn dein FIRE-Datum nah und deine Entnahmerate riskant ist